Interview mit Abe Greenbaum (2008)

Mit `Widerliche Zeiten´ schuf Abraham `Abe´ Greenbaum Mitte der Achziger Jahre die erste deutschsprachige Trash-Hörspielserie. Aus heutiger Sicht erscheint sie unter anderem wegen ihrer gnadenlos überzeichneten Darstellung von Religion besonders mutig. Ähnliches vermisst man seit jeher bei öffentlich-rechtlichen Produktionen. Wir erhielten Gelegenheit, den in Hamburg lebenden Abe Greenbaum Anfang dieses Jahres zu interviewen.

Seit der Scheidung von ihrer ersten Ehefrau und `Doris Newton´-Darstellerin Priscilla leben Sie mit Ihrer Partnerin Pamela Drinkwater und Ihrem Terrier zurückgezogen in einem Hamburger Elbvorort. Entschuldigen Sie bitte die indiskrete Frage, aber viele Hörspielfreunde wird es sicher sehr interessieren: Pflegen Sie heute noch Kontakt zu Priscilla Greenbaum ?

Priscilla ist ihr Erfolg leider irgendwann zu Kopf gestiegen. Sie hatte ein paar kleinere Hitsingles und auch mit den Hörspielen kam ja einiges an Popularität. Eine Zeit lang war `Doris Newton´ bei norddeutschen Comedyfans sicher ähnlich populär wie Klein Erna, die sich ja ebenfalls nicht die Butter vom Brot nehmen ließ. Irgendwann färbten aber die exzentrischen Charaktereigenschaften der Rolle `Doris Newton´ auf Priscilla ab. Die Serie `Widerliche Zeiten´ lief schließlich ganze drei Jahre lang, da kann sich schon mal Berufliches mit Privatem vermischen. Priscilla benahm sich auf einmal auch zu Hause immer tyrannischer und legte völlig absurde Star-Allüren an den Tag, wie ich es niemals für möglich gehalten hätte. Als sich dann auch noch ein gewisser religiöser Wahn bei ihr abzeichnete, warf ich sie kurzerhand aus meinem Haus. Aber ich möchte hier nicht schlecht über sie reden. Ich hoffe, es geht ihr gut. Wir haben uns seit ungefähr 15 Jahren nicht mehr gesprochen. Sie lebt meines Wissens inzwischen in Kanada und schreibt erbauliche Bücher.

Ihre Trennung geschah ungefähr zu der Zeit als auch die `Widerliche Zeiten´-Saga nach 24 Folgen abruppt eingestellt wurde. Für viele Fans war das offene Ende der Serie enttäuschend. Gerade hatte sich Doris zur machtvollen Eroberin für ihre `Guru´-Religion gemausert, da war plötzlich Schluss mit lustig und in Hamburg fiel die letzte Klappe.

Das Ende von `Widerliche Zeiten´ hatte nichts mit den handgreiflichen Attacken von Priscilla auf mich zu tun, auch wenn man das vielleicht vermuten könnte. Aber meine damalige Frau war schließlich nicht die einzige Unwägbarkeit am Set – ich war da schon lange nicht mehr empfindlich. Auch mit der ehemaligen Country-Sängerin und `Mathilde´-Darstellerin Miss Arry-Laine gab es im Laufe der Zeit Meinungsverschiedenheiten, die nicht selten mit einem blauen Auge endeten. So etwas läuft bei mir unter `Berufsrisiko´. Arry erging es nach Serienende leider weniger gut als Priscilla: Sie brachte volltrunken einen Barmann in South-Carolina um, der sich weigerte, ihr weiteren Whiskey auszuschenken. Hier erwiesen sich die `Widerlichen Zeiten´ als verhängnisvolle Blaupause für die Realität.

Es halten sich hartnäckige Gerüchte, einer der Hauptsprecher sei der Hamburg-Rissener Dirk Bielefeldt besser bekannt als norddeutscher Polizist `Herr Holm´ gewesen.

Das ist ein schmeichelhaftes Gerücht. Aber ich nutze hier gerne die Gelegenheit, um es ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen: Herr Bielefeldt hat zu keinem Zeitpunkt an meiner Serie `Widerliche Zeiten´ mitgewirkt. Das kam alleine alterstechnisch schon nicht in Frage. Rechnen Sie doch mal dreiundzwanzig Jahre zurück – ich glaube, der Herr Bielefeld ist inzwischen schon an die fünfzig. Nein, die Sprecher der Serie waren damals neben Priscilla und Arry allesamt No-Names, die Sie danach vielleicht höchstens nochmal in einer Radiowerbung für schnellösliches Kaffeepulver gehört haben können.

Es soll auch finanzielle Probleme bei Ihrer Hörspielproduktion gegeben haben.

Sie sind erstaunlich gut informiert. Ja, meine Geldsorgen gaben schließlich den Ausschlag für den letzten Vorhang. Das Besondere bei den `Zeiten´ war, dass ich jede Szene eigens vor Originalschauplätzen aufnehmen ließ, obwohl wir ja eigentlich nur eine Hörspielreihe produzierten. Das war natürlich alles nicht ganz billig. Aber die Schauspieler konnten sich auf diese Weise viel besser in ihre Rollen und die aktuelle Handlung hineinversetzen. Die öffentlich-rechtlichen Hörspielproduzenten haben ja bis heute nicht begriffen, wie wichtig das für die Arbeit an einem Stück sein kann. Von der Konkurrenz der kommerziellen Kassettenhersteller will ich in diesem Zusammenhang gar nicht erst anfangen. Bei denen wurde ja nahezu ausschließlich in sterilen Tonstudios aufgenommen. Wir hatten für die `Zeiten´ im schottischen Hochmoor ein altes Kastell angemietet, drehten die Wüstenszenen in der Kiesgrube von Hamburg-Rissen und die religiösen Abschnitte der letzten Folgen in der Nähe eines ausgedienten Buddhistentempels in Nepal. Die Raumschiffmodelle ließen wir von einem Schweizer Künstler aus Pappmaché anfertigen. Für die Sound-Spezialeffekte setzte ich das damals sehr moderne Sinclair ZX Spectrum ein und später auch den Schneider CPC. Die Aufnahmeumstände strapazierten die Crew zwar oft sehr, aber ich finde, dafür hört sich das Ergebnis auch besonders realistisch an. Das war mir der Mühen und die Ausgaben wert und nicht zuletzt deshalb erfreuen sich `die Widerlinge´ ja auch immer noch großer Beliebtheit bei Hörspielfreunden.

Die Serie ist seit einiger Zeit als Videocast im Internet zu hören.

Die musikalische Untermalung musste dafür aus rechtlichen Gründen leider fast vollständig aus dem Rohmaterial herausgeschnitten werden. Dafür ist das, was übrig blieb -immerhin rund 360 Minuten, das entspricht der Länge von 4 Spielfilmen-, besonders handlungsintensiv. Das musikalische Beiwerk neuerer Hörspielproduktionen sprengt meiner Meinung nach sowieso meist den Rahmen des Erträglichen. Die Emotionen bei den Hörern müssen aus den Dialogen der Schauspieler entstehen. Es ist ein Armutsszeugnis für Regie und Drehbuch, wenn diese Reaktionen bei den Hörern mit Hilfe von kitschigen oder dramatischen Tonkonserven künstlich erzeugt werden müssen. Aus diesem Grund bin ich übrigens nie zum Fernsehen gegangen – dort gehört das künstliche Aufpäppeln dürftiger Handlungen durch Musik ja leider ebenfalls zum Alltag.

Gerade in der letzten vierten Staffel der `Widerlichen Zeiten´ hört man aber ebenfalls viel Pop- und Discomusik im Hintergrund.

Ich liebte in jener Zeit Italo-Disco und habe sie daher ständig auch beim Aufnahmeset gehört. Max-Him, FunFun oder Giorgio Moroder waren damals bei mir schwer angesagt und ich hatte deshalb meistens den Kassettenrekorder mit diesen Tracks laufen. Daher habe ich das gar nicht gemerkt als die Musik bei einigen Szenen versehentlich mit aufgezeichnet wurde. Und die Schauspieler hatten offenbar zu viel Respekt vor mir als Regisseur und Produzent, um mich auf diesen Fehler hinzuweisen. Oder sie standen einfach ebenso wie auf Italopop und dachten, ‚das soll wohl so‘. Ich bleibe jedoch bei meiner Aussage: Zur emotionalen Untermalung der Handlung habe ich niemals Musik eingesetzt. Höchstens mal einen kleinen Streichereinsatz, wenn im Hörspiel jemand gestorben war. Das kam aber zum Glück nicht häufig vor, immerhin war die Serie ja für jugendliche Hörer konzipiert. Und deshalb freue ich mich auch, wenn jetzt über das moderne Medium `Internet´ junge Leute diesen alten Nonsens wieder hören können.

Wir freuen uns mit Ihnen und bedanken uns für das Gespräch, Herr Greenbaum.

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